< Wellness & Spa: Hotelbewertung
18.02.2012 09:30 Alter: 5 yrs
Kategorie: Hotel
Von: Freddy Langer

Am grauen Strand, am grauen Meer

Juist ist schmal und lang, siebzehn Kilometer. Und so wird ein Spaziergang um die Insel herum zu einer ausgedehnten Wanderung zwischen Dünen, Wellen und Watt.


© Freddy Langer

Zeigen, was eine Bake ist: Dort, wo sich hoch oben auf den Dünen die Holzgestelle aus Dreieck und Quadrat dem tiefhängenden Himmel entgegenstrecken, ist Juist zu Ende. Oder wenigstens fast.

Drei Viertel der Wanderung lagen hinter mir, als ich die Bake sah, die zweite an diesem Tag. Und am liebsten wäre ich diesmal zu der Konstruktion aus Holz hinaufgeklettert, hätte einen weiten, schwarzen Mantel geöffnet und mich mit ausgestreckten Armen hoch oben auf der Düne rückwärts in den Sand fallen lassen und ein Bier bestellt, das so ist wie das Land, aus dem es stammt. Aber anders als der junge Mann in der Brauereireklame trug ich an diesem windigen Tag außerhalb der Saison keinen weiten, schwarzen Mantel, sondern einen enganliegenden, schwarzen Anorak. Außerdem ist es auf Juist verboten, die Dünen zu betreten. Man darf also gar nicht zu den Baken hinaufsteigen, die als Markierung für die Seefahrer nahe den beiden Inselenden errichtet worden sind. Wohl fünfzehn Kilometer stehen sie auseinander, aber ganz zu Ende ist die sehr lange, sehr schmale Insel dort jeweils noch nicht. Für einen weiteren Kilometer und vielleicht sogar anderthalb schiebt sich von den Baken aus der Sand immer flacher werdend ins Meer hinein. Wie eine Zunge, die das Salzwasser aufschlecken will, auf der einen Seite; als schmaler Pfad, der auf dem Wasser zu schweben scheint und dann langsam abwärts gleitet Richtung Meeresgrund, auf der anderen. Juist: Das ist kein Strich in der Landschaft - das ist ein Strich im Meer. Genau in der Mitte liegt der Ort.

Dieser Ort war leer gewesen, morgens um halb neun, außerhalb der Saison. Eine Angestellte des Fremdenverkehrsamts hatte in der Strandstraße ihr Fahrrad neben einem der Schaukästen abgestellt und war damit beschäftigt, die wenigen Hinweise auf das Kulturprogramm zu aktualisieren. Eine Kabarettveranstaltung fiel aus. Eine Lesung kam kurzfristig hinzu. Klack, hallte es über die Straße, als sie die Handzettel mit Magneten an der Metallwand befestigte. Dann schloss sie die Glastür, setzte sich auf ihr Rad und trat kräftig in die Pedale, um den Weg zum Strandcafé hinaufzukommen. Bei jeder Umdrehung raspelte der Arm der Pedale über den Kettenschutz. Sonst war es still. Nicht einmal die Möwen schrien, sondern saßen nur gelangweilt gegenüber dem Fischladen. Sie warteten auf Kunden, die mit einem Brötchen in der Hand auf die Straße kämen. Dann würden sie sich vom Wind ein wenig in die Höhe tragen lassen, um gleich darauf im Sturzflug über den armen Gast herzufallen, ihm den Hering aus dem Brötchen zu ziehen und mit einem kräftigen Flügelschlag davonzufliegen. Mir war es tags zuvor selbst so ergangen.

Die Läden waren noch geschlossen. Nicht einmal in der Straße, die zum Supermarkt abbog, waren Passanten zu sehen. Vielleicht waren die paar wenigen Feriengäste um diese Jahreszeit ja allesamt im Watt unterwegs. Dort jedenfalls war richtig was los, wie ich vom Deich aus erkennen konnte, nur einen Katzensprung vom Ortszentrum entfernt, dort, wo die Strandstraße den Namen wechselt und Bahnhofstraße heißt. Zwei Gruppen, die Menschen in der Ferne so klein wie Ameisen, folgten den Wattführern, ließen sich wohl gerade in die geheimnisvolle Fauna des Watts einführen und lernten zum Beispiel, dass es sich hier um den weltweit größten zusammenhängenden amphibischen Lebensraum handele. Aber vielleicht erzählte ihnen Heino, einer der Wattführer auf Juist, auch von der Wanderung, die er einmal zum Festland unternommen haben will. Es wird ein rechtes Gegluckse und Geschmatze unter seinen Gummistiefeln gewesen sein, bei jedem Schritt in den Schlick und wieder heraus, bei diesem Wettlauf mit der Tide. Weit ist es nicht hinüber nach Norden, der Hafenstadt, von wo aus die Fähre zur Insel kommt. Aber der Weg ist tückisch mit all den Prielen. Und mit der Flut, die nicht in Wogen vom Meer her angespült wird, sondern fast unmerklich aus dem sandigen, matschigen Boden heraufsteigt.

Die Sache mit dem Regenbogen

Jetzt aber kam das Wasser erst einmal von oben. Es begann zu regnen. Heftig. Von einer Sekunde zur anderen. So schnell, dass die tiefstehende Sonne gar keine Zeit bekam, sich zu verziehen, und sich ein Regenbogen über den Himmel spannte. Eines der Enden landete weit voraus in den Dünen, wo an laublosem Gestrüpp Hagebutten und Sanddornbeeren glänzten wie mit Lack überzogen. Aber das sah ich natürlich erst viel später, als ich den Ort und selbst Loog, die kleine Siedlung im Sand, schon lange hinter mir hatte. Und der Schatz am Ende des Regenbogens? Das wären hier wohl genau diese Früchte gewesen, für Hagebuttentee oder für Gelee und Schnaps aus Sanddorn.

Aber der Regenbogen hat ja einen ganz anderen Zweck, als den Menschen zu seinem Glück zu führen. Er soll ihn vielmehr daran erinnern, welch Glück es ist, dass der Herrgott nie wieder die Erde überfluten will. Ist ja auch so schon genug Wasser da, denkt man allerdings bei einem verregneten Strandspaziergang, gerade auf einer Insel und gerade, wenn man einmal im Kreis drum herumläuft, das Meer ständig im Blick. Und warum es eigentlich Erdball heißt und nicht Wasserball, denkt man, wo doch drei Viertel des Globus von Wasser bedeckt sind. Und es wird ja in Zukunft eher mehr werden als weniger, wenn man den Prognosen der Klimaexperten trauen kann und sich das grönländische Inlandeis allmählich in den Atlantik ergießt. Dann ist vielleicht Juist bald verschwunden und die anderen ostfriesischen Inseln auch und die Halligen sowieso.

Aber von Treibhauseffekt war an diesem Morgen nichts zu spüren. Es war so kühl, wie man es zu dieser Jahreszeit erwartet. Auch ohne Wind, denn den hielten noch die Dünen ab, und noch roch es auch gar nicht nach Salz und Meer, sondern bestenfalls nach Salz und Gras, nach Marschland, ein wenig vermodert, hier, auf der dem Festland zugewandten Seite der Insel, entlang der graugrünen Salzwiesen, auf denen ein paar Pferde dicht zusammengerückt waren, um sich gegenseitig zu wärmen. Dann stieg der Weg vom Deich hinunter und führte zwischen Sträuchern und Dünen zunächst zu einem Ausflugslokal und später zu einem Fahrradparkplatz, der so groß war, dass er eine Ahnung davon vermittelte, was hier auch los sein kann. Dann noch ein Knick zwischen dem Billriff und den Haakdünen, auf denen weithin sichtbar die eine der beiden Baken steht - und das richtige Meer war da, das offene Meer.

Dabei ist es ja nie wirklich weg, denn von keinem Punkt auf Juist ist es weiter als zweihundertfünfzig Meter bis zur Küste. Aber dieser Anblick, wie einem Gemälde des neunzehnten Jahrhunderts entnommen, wenn plötzlich die Brandung auf den Strand zustürzt, sich die Wogen überschlagen und kleine Fähnchen von Gischt über dem Wasser flattern, dieser Anblick also kommt nach dem träge unter grauen Wolken liegenden Wattenmeer so überraschend, dass es nicht der Wind war, der mir den Atem nahm.

Der tote Oger im Sand

Glaubt man den Märchen der Insel, dann war dies die Stelle, an der einst der tumbe Hein ein zufriedenes Leben führte, bis die Leute im Dorf ihn überredeten, seine Seele dem teuflischen Oger zu überlassen, einem Geschöpf, halb Tier, halb Mensch, das über die Strömungen herrschte und drohte, die Insel unter Wasser zu setzen, lange bevor man die Vokabel Klimakatastrophe kannte. Ohne seine Seele aber veränderte sich der gute Hein, und er zündete Lichter an, mit denen er nachts die Kapitäne aufs Riff lockte. Und dann barg er die Schätze aus den Wracks. Glaubt man dem Märchen, dann muss dies hier ein rechter Schiffsfriedhof gewesen sein. Und tatsächlich wirkt der Strand des Billriffs noch immer wie ein Krempelmarkt der Seefahrerei. Mit Brettern und Kisten und Netzen und Tauen und Handschuhen und Gummistiefeln und Plastikkanistern und Bojen und leeren Rumflaschen in ungeheuerlich großer Zahl, in denen jedoch selbst dann keine handgeschriebene Botschaft steckt, wenn der Korken fest in den Flaschenhals gedrückt ist. Und irgendwo dazwischen liegt der Kadaver eines Fischs, riesengroß, mit einem Maul wie ein Alligator, weit aufgerissen, den Kopf nach oben gestreckt. Ein kleines Monster fast. Der Oger? Oder eines der Kinder des Undus, des Herrn über alle Nixen, der in unermesslichem Reichtum auf dem Meeresgrund lebt?

Natürlich handeln die friesischen Märchen von unheimlichen Wesen aus dem Meer und von der Gefahr durch die Elemente. Und als der Wind an Kraft zulegte und den Sand in breiten Schlieren vor sich her fegte und auch vor mir her fegte, dass es aussah, als tanzten Geister über den Strand, da stand ich mit beiden Füßen mittendrin in dieser düsteren Märchenwelt. Ich zog die Kapuze enger. Und ich war nicht unfroh zu sehen, dass mir aus der Ferne ein Spaziergänger entgegenkam.

Die Sache mit dem Amazonasstamm

Es war mein Tischnachbar aus dem Hotel. Beim Frühstück und beim Abendessen hatten wir uns in den vergangenen Tagen jeweils artig zugenickt und ein paar Höflichkeiten ausgetauscht. Jetzt blieb er stehen, stellte sich vor mit Adelstitel und einem Namen, der ihn als Enkel des bekanntesten deutschen Herstellers von Bleistiften auswies, und brachte das Gespräch dann umstandslos auf einen Stamm im Amazonasgebiet, von dem er gelesen hatte, dass es in dessen Sprache keine grammatikalischen Formen für die Vergangenheit und die Zukunft gebe. Er schien ganz aufgeregt. Und dann sagte er, dass dies ja völlig dem Schopenhauerschen Modell von Raum, Zeit und Kausalität widerspräche. Dann ging er weiter, dem Billriff entgegen, während ich in weiter Ferne die Kuppel unseres Hotels über die Dünen lugen sah.

Vielleicht, dachte ich noch, sind das die Gedanken, die einem so durch den Kopf gehen, wenn man am Meer entlangspaziert und sieht, wie es sich im ewigen Rhythmus des Auf und Nieder anspannt und entspannt, dass man meinen könnte, man schaue der Welt beim Atmen zu, und wenn die Wellen im nie endenden Rollen auf den Strand stürzen, den Sand sanft umschmeicheln und sich gleich darauf wieder zurückziehen ins unendliche Meer. Ich stehe ja auch gern an der Küste und rede mit der Brandung und schaue mit bedeutungsschwangerem Blick zum Horizont. Und natürlich liegt es nahe, bei einem Strandspaziergang über Werden und Vergehen nachzudenken, wenn im Spülsaum bei jedem Schritt unter den Füßen die Muscheln knirschen, zerbersten, zerbröseln und zu Bruchschill werden, was der Laie leicht mit Sand verwechseln kann. Und dann fragt man sich natürlich, wie ein Stamm im Amazonasgebiet bitte schön über Werden und Vergehen nachdenken soll, wenn ihm die grammatikalischen Formen für Vergangenheit und Zukunft fehlen. Und dann dachte ich darüber nach, was ich so denke, beim Gehen am Meer und vor allem jetzt, bei dieser Rundtour, dieser langen Ellipse einmal um Juist herum, und dann musste ich mir eingestehen, als wie angenehm ich es empfand, mir vom Wind alle Gedanken aus dem Kopf blasen zu lassen.

Kein Interesse am Heringsbrötchen

Paare mit Hund, Familien mit Kinderwagen, Kinder mit Lenkdrachen, die sie geschickt über den Himmel dirigierten, kündeten von der Nähe des Orts. Dort, wo am meisten Leute standen, führte eine Rampe direkt in die Strandstraße hinauf, dorthin, wo am Morgen die Dame vom Fremdenverkehrsamt die Neuigkeiten im Schaukasten aufgehängt hatte. Und wo mittlerweile der Fischladen längst offen sein musste. Ich bog ab. Und aß zum ersten Mal in meinem Leben als Brotzeit bei einer Wanderung ein Heringsbrötchen. Dann ging ich zurück an den Strand. Die Möwen hatten sich nicht einen Zentimeter vom Fleck bewegt.

Dass es nun stürmisch wurde, war mir egal. Das Wetter änderte sich sowieso alle fünf Minuten. Wo sich eben noch der Regen in langen, braunen Schnüren aus den Wolken abrollte, dass er aussah wie die Schlepptaue an einem riesigen Heißluftballon, leuchtete nur einen Moment später ein Azur, dass man italienische Schlager hätte singen wollen. Am Horizont strahlten die Hochhäuser von Norderney im Licht der tiefstehenden Sonne, wie eine Festung sahen sie aus, wie ein Trugbild im Meer. Vineta, dachte ich und korrigierte mich augenblicklich: Ostsee! Und außerdem spricht hier niemand davon, dass Norderney vom Meer verschluckt werden könnte, sondern alle reden davon, dass die Strömung den Sand so zwischen Juist und Norderney ablagert, dass die beiden Inseln in ein paar hundert Jahren miteinander verbunden sein werden. Der Gedanke macht den Bewohnern nicht nur Freude, denn so gut verstehen sich die Nachbarn offensichtlich nicht. Glaubt man den Märchen, hat das mit einem kleinen Eiland zu tun, das einmal zwischen Juist und Norderney gelegen haben soll, die Insel Buise, genauer gesagt, mit einem Mädchen: der schönen Swantje, die im einzigen Haus auf Buise lebte.

Die Sache mit den Windkrafträdern

Dass der Sand kommt, zeigt sich am Kalfamer, einem neuen Dünenfeld am Ostende der Insel, einem Brutgebiet für Zwergseeschwalben und Seeregenpfeifer, das flach und weit und spärlich bewachsen ist und außerhalb der Saison sehr leer. Ein paar Schilder machen auf die Besonderheiten des Orts aufmerksam und zeigen außerdem Bilder etwa des niedlichen Knutts, eines anderen Vögelchens, das hier bisweilen vorbeikommt. Und wieder einmal weist eine Tafel darauf hin, dass das Betreten der Dünen verboten ist. Darüber reckt sich wie ein Versprechen die Bake in den Himmel, ein schlankes Dreieck, darüber ein Quadrat. Wie ein Stammeszeichen. Ein Totempfahl. Drei Viertel des Wegs waren also geschafft. Es war später Nachmittag. Obwohl der Wind abgeflaut war, drehten sich im Meer artig die Flügel der fast hundert Windräder des Offshore-Windparks. Mal synchron, mal gegeneinander, dann wieder sah es aus, als griffen Zahnräder ineinander. Man hätte meinen können, der Bildhauer George Rickey habe sich hier mit seiner kinetischen Kunst ausgetobt, so flimmerte es vor den Augen, ein Effekt, bis an die Grenze zur Hypnose. Es war Zeit zu gehen.

Schon lange waren keine Flugzeuge mehr gelandet. Der Parkplatz, an dem sonst Kutscher auf die Passagiere warten, um sie zu ihren Quartieren zu fahren, war verwaist, auch das Restaurant im Flughafen war leer. Wie mit dem Lineal gezeichnet führt die gepflasterte Straße an den Salzwiesen entlang. Neben Tausendgüldenkraut wächst hier auch Strandbeifuß, ein Kraut, das so heißt, weil es als Einlage im Wanderschuh gegen Ermüdung schützen soll. Pflücken ist natürlich verboten, liest man, und eine weitere Tafel bittet darum, sich an einen Arzt oder Apotheker zu wenden, wenn man pflanzliche Medizin brauche. Ich hatte sowieso keine Wanderschuhe an. Eine Stunde noch, dann begann der Ort. Es heißt, Rundwanderwege seien für Angsthasen: bloß nicht hinausgehen, fortgehen, weitergehen, dem Unbekannten entgegen. Stattdessen ist man mit dem ersten Schritt ja schon unterwegs nach Hause. Aber was will man auf einer Insel anderes tun?

Der Fischladen in der Strandstraße hatte geschlossen. Die Möwen waren fort. Die Straßen waren so leer wie am frühen Morgen. Die paar wenigen Gäste außerhalb der Saison saßen längst in den Gaststätten und aßen zu Abend. Über der Stadt aber leuchtete hell die gläserne Kuppel auf dem Dach des Strandhotels Kurhaus Juist, dieses Palasts aus einer Zeit, als noch Kaiser zum Kuren ins Nordseewasser stiegen. Die Kuppel ist der schönste Aussichtspunkt der Insel und zugleich eine Art Leuchtturm, eine Markierung, die sogar vom Festland aus gut zu erkennen ist.

Es war ein grandioser Ausblick über die Lichter der Insel, unter den Sternen der Nacht. Nur rückwärts umfallen ließ ich mich nicht.

Quelle: FAZ am 16.02.2012